Mein neustes Forschungsprojekt? – Gott

Vor genau sieben Tagen habe ich mein Handy ausgeschaltet und angefangen zu lauschen. Ich habe eine interessante Woche hinter mir. Aber zur Einleitung ist da noch eine „kleine Vorgeschichte“ wichtig.

Mein Mann Andreas singt im Gospelchor und dieser Gospelchor hatte im Januar einen Auftritt innerhalb eines Gottesdienstes der LKG (landeskirchliche Gemeinschaft – das ist eine Gemeinschaft von evangelischen Christen. Und der Chor bzw. die Musikschule ist dieser Gemeinschaft zugehörig). Als treuer Fan meines Mannes Gesangskunst darf ich natürlich keinen Auftritt versäumen, also habe ich mich Sonntagmorgen um 10:30 Uhr in den Gottesdienst gesetzt und dem Chorgesang gelauscht. Bei diesem Gottesdienst hat der Pastor eine neue Predigtreihe eröffnet, die mich sehr angesprochen hat.

ZWÖLF – Die Reise nach Hause in zwölf Etappen

Es geht in dieser Predigtreihe um unser Innerstes und den Halt, der uns oft fehlt. Wir sind krampfhaft damit beschäftigt unser Leben zu gestalten, zu bauen – festzuhalten an Dingen und Menschen, die wir für unsere Vollständigkeit vermeintlich brauchen, oder um uns selbst zu spüren.

Das hat mich sehr angesprochen. Bin ich doch auch viel damit beschäftigt und auf der Suche den Sinn meines Lebens zu finden, mich wohl in meiner Haut zu fühlen, mein Leben zu bauen und in Abhängigkeiten wie Beziehungen, Meinungen und Bestätigung anderer oder Konsum verstrickt. Immer auf der Suche nach Antworten auf meine Fragen und dem WARUM, oft am Zweifeln an meinem „Richtigsein“.

Haste nichts, biste nichts?

Der Pastor nutzt in seiner Predigtreihe das Bild von „Schleimi“, die schleimige, glibberige Masse, von der wir als Kinder so fasziniert waren. Wir haben sie durch unsere Hände gleiten lassen und dieses Immer-Wieder-Durch-Die-Hände-Drücken-Und-Quetschen hatte fast schon etwas Meditatives. Als Mutter habe ich dieses Zeug im Teppich natürlich nicht mehr so toll gefunden. Egal. Dieses Schleimi-Zeug steht nun also symbolisch für unser Innerstes, weich, dehnbar, formlos, teilbar, fließend und ausgeliefert. Und wenn man diese Masse nun so einfach auf eine Tischplatte legt, zerläuft sie und wird immer breiter. Und so empfinde ich mein Leben eben oft auch. Mir fehlt irgendwie der Halt. Und ich suche mir diesen Halt im Außen. Ich nehme mir einen vermeintlich starken Mann, der soll mich doch bitteschön halten, lieben und beschützen. Ich kaufe mir neue Klamotten und Zeug, die mir doch bitte diesen Halt und Selbstsicherheit geben sollen. Haste nichts, biste nichts, oder? Urlaub, Auto, Haus? …auch etwas darstellen wollen. Einen Job, über den ich mich identifizieren kann. Bei mir ist es auch eine Fortbildung nach der Nächsten, denn mit dem nächsten Zertifikat bin ich ja erst vollständig, WERT(ig)voll und „Experte“. Aber auch dann fehlt mir wieder was, um loszugehen. Auch schön ist, …wenn ich erstmal abgenommen habe, dann…    …dann bin ich Jemand und werde ernst genommen, oder so. ECHT? Und wer bin ich vorher – JETZT?

Ich (er-)kenne meine ständigen Baustellen, mit denen ich beschäftigt bin und versuche mein ganz persönliches „Schleimi-Ding“ vor dem Auslaufen, dem vollkommenen Zerfließen, abzuhalten.

Diese Predigt hatte mich also vollkommen erreicht und ich wollte mehr wissen, wissen welche Gedanken der Pastor sich zu diesem Thema gemacht hatte und ob er schließlich auch eine Lösung gefunden hat, die für mich eventuell auch passen könnte. Ich hatte also für mich beschlossen mir diese komplette Predigtreihe anzuhören.

Gottesdienst 2018

Seit 15 Wochen gehe ich nun jeden Sonntag zum Gottesdienst. Und ich genieße es mittlerweile sehr. Es ist meine ganz persönliche Auszeit. Und ich muss sagen, Gottesdienst hat sich geändert. Vielleicht liegt es auch an der Gemeinde und der Art der Gemeinschaft, die sie hier leben. Ich sammle auf jeden Fall ganz neue Erfahrungen zum Thema Kirche. Der Gottesdienst, den ich hier erleben darf, ist frisch und modern. Der Pastor spricht eine Sprache, die ich verstehe und die verstaubten Bibeltexte übersetzt er seiner Zuhörerschaft ins Heute. Für ihn sind manche Dinge echt krass und fett. J Das macht ihn sehr sympathisch und nahbar. Die Musik wird von einem Praise-Team mit Sängern und Band begleitet. Die modernen Liedtexte werden mit dem Beamer an die Wand geworfen und wer möchte, kann beim Singen aufstehen, mitklatschen und mitgrooven. Es gibt einen Eltern-Kind-Raum, in den sich Eltern mit kleinen Kindern zurückziehen können und in den die Predigt live übertragen wird. Die größeren Kinder besuchen den Kindergottesdienst. Auch total klasse und an die heutige Zeit angepasst finde ich den Service, dass die Predigten aufgezeichnet werden und man sie sich dann im Nachherein oder bei Abwesenheit später noch einmal über die Homepage anhören kann. Außerdem startet der Gottesdienst erst um 10:30 Uhr. Das finde ich auch super familientauglich. Und überhaupt erinnert mich die Stimmung dort immer wieder an ein großes Familientreffen. Alles in Allem finde ich dieses Sonntagmorgen-Ritual sehr gelungen entstaubt.

In vielen „Etappen“ auf meiner bisherigen Gottesdienstreise, habe ich Parallelen zu mir, meinem Umfeld und meinem Leben gefunden. So als würde der Herr Pastor nur über mich und mit mir ganz persönlich sprechen. Wie kommt er nur auf diese Themen und Gedanken? Werde ich beobachtet und soll ich etwa jetzt und hier eingefangen werden? Die Menschen in diesem Gottesdienst sind doch zum größten Teil jahrelange Christen. Reine, gläubige Seelen. Diese Inhalte sollten für sie doch längst überwunden sein. Sie sind doch schon angekommen bei Gott. Ich habe mich wirklich gewundert und der Pastor so manches Mal für seinen Mut anerkannt, dass er in diesem Kreise solche Fragen in den Raum stellt. Der Pastor scheint wohl auch ein ganz normaler Mensch mit ganz alltäglichen Sorgen zu sein. Das macht ihn und seine Predigt sehr authentisch.

Soviel dazu. Ich möchte da auch nicht zu sehr ins Detail gehen. Wer Interesse hat, kann sich die Predigten je gerne mal anhören. Für mich ist die Reise ja auch noch nicht zu Ende. Wir sind derzeit (durch Ostern und div. anderer Gemeindeprojekte) erst bei Etappe 10.

  1. Etappe: Leben wie üblich
  2. Etappe: Wie die Spinne im Spinnennetz
  3. Etappe: Einzelkämpfer in Gemeinschaft
  4. Etappe: Aktive Ohnmacht – ohnmächtige Aktion
  5. Etappe: Neu werden_01 und Neu werden_02
  6. Etappe: Lernen und Wachsen
  7. Etappe: Licht finden und Licht sein
  8. Etappe: Schritt in die Tiefe – Verwirklichung
  9. Etappe: Ein Riese kann sich bücken
  10. Etappe: Zuhause und doch fremd

 

Fasten und Beten – das eine-Woche-Intensivexperiment

Im April hatte der Pastor während des Gottesdienstes eine Einladung zum gemeinsamen Abendessen ausgesprochen. Er möchte sich mit Interessierten zusammensetzen und über neue Wege ins Gespräch kommen, wie man den positiven Spirit der Gemeinde auch weiter verbreiten könnte. Etwas Neues? Wenn, dann will ich da von Anfang an dabei sein. Ich bin dabei. Das stand sofort fest für mich. Wenn ich mich im Christsein ausprobiere, dann auch voll und ganz und mit allen Möglichkeiten.

Das neue Projekt war eine Woche lang Ein-Ding-Fasten und jeden Abend zum gemeinsamen Gebet treffen. Ok, ich liebe solche Herausforderungen. Und dann sogar in Reallife mit echten Leuten und echtem persönlichen Treffen. Ich war also dabei und entschloss mich eine Woche auf mein Handy zu verzichten. Das war echt ne große Nummer für mich, bezeichne ich mich doch selbst als süchtigen Handy- und SocialMedia-Junky.

Das Fasten sollte einen des Öfteren am Tag daran erinnern zu lauschen, darauf zu hören, was Gott mir sagen möchte, was er für mich bereithält. Der Handyverzicht ist mir am ersten Tag schon sehr oft aufgefallen. Meine Termine hatte ich mir am Abend zuvor ja noch schnell alle rausgeschrieben. Aber in meinem kleinen Handy sind schon einige Dinge des täglichen Lebens drin. So hatte ich am ersten Tag einen Arzttermin in Achim bei einem mir ganz unbekannten Arzt. Ich steige ins Auto ein und merke recht schnell, dass ich den Weg dahin gar nicht weiß. Mein Handy – mein Navigationsgerät. Ich war ziemlich früh in Achim und wollte noch ein wenig und ganz in Ruhe durch die Stadt schlendern. Aber wann wird es denn wohl Zeit in Richtung zu gehen. Ich hatte ja gar keine Uhr mit. Mein Handy – mein Zeitmanagement. Fußballtraining. Wer fährt diese Woche die Kinder zum Training? Wer ist für das nächste Turnier gesetzt? Infos gibt es über die WhatsApp-Gruppe. Ich lasse mich übers Telefon informieren oder warte bis zum Fastenbrechen. (Dann warten wahrscheinlich 500 neue Nachrichten.) Mein Handy – meine Kommunikation mit der Außenwelt.

Ich habe mir den „Entzug“ aber alles in Allem schlimmer vorgestellt.

Und nun zum Beten. Wir waren ca. 25 Menschen, Männer und Frauen, Jung und Alt, gut gemischt. Die Anderen kannten sich natürlich alle untereinander. Ich war die einzig Neue unter all den Christen. Ein paar Leute kannte ich auch schon, durch den Chor, den Herrn Pastor und seine Frau (das hört sich hier sehr formell an, aber eigentlich duzen wir uns und mögen uns mittlerweile auch sehr.J)

Ich war jeden Abend beim Treffen und gemeinsamen Beten dabei. Zu Beginn gab es jeweils einen kleinen Impuls aus der Bibel und dann drehten mir uns in Dreiergruppen zueinander. Wir berichteten in der Kleingruppe, wie es uns mit dem Fasten so geht und ob wir Gott schon gehört haben. Anschließend beteten wir gegenseitig füreinander. Das waren meine ersten echten Gebetserfahrungen. Ich habe meist erst einmal zugehört, was die Anderen so gesagt haben, war dann aber oft auch ganz überrascht, welche Worte da so aus meinem Mund kamen.

Die Woche ging wirklich schnell vorbei. Das Handy hat mir nicht mehr wirklich gefehlt.

„Count your blessings“

Das letzte Treffen stand an und heute sollte Jeder vor der ganzen Gruppe berichten, welche Erfahrung er im Kontakt mit Gott gemacht hat. Ich war schon den ganzen Tag damit beschäftigt, was ich wohl berichten soll. Habe ich ihn gehört? Was hat er mir gesagt? Ich war mir nicht sicher. Auf dem Weg im Auto sah ich dann all die Menschen aus der Gruppe. Ich sah jeden Einzelnen und bin in Gedanken die ganzen Namen noch einmal durchgegangen. Mir kamen einzelne Begebenheiten, Blicke und Worte der letzten Woche in den Sinn. Mir wurde ganz warm um’s Herz und ich war plötzlich ganz berührt. Ich erinnerte mich an den ersten Abend, den Abend beim gemeinsamen Abendessen. Auch dort haben wir uns in Dreiergruppen zusammengefunden. „Count your blessings“, war damals die „Aufgabe“. „Erzählt euch gegenseitig eure Segnungen.“ Ich konnte zu dem Zeitpunkt mit dem Wort „Segnung“ nicht so viel anfangen. Ich konnte es einfach nicht greifen. Heute, als ich nun im Auto auf dem Weg zum letzten Treffen war, konnte ich es auf einmal zusammenführen.

Ich habe mir schon lange ein Netzwerk mit positiven, echten Leuten gewünscht. Jeder Einzelne dieser Menschen, mit dem ich diese Woche aufeinandergetroffen bin, war ein Segen für mich!

So many blessings in one week! WOW!

Es bleibt ein spannender Weg.

Dieses Gleichnis aus der Bibel wurde im letzten Gottesdienst zum Thema gemacht:

„Jesus sagt, das Himmelreich gleiche einem Kaufmann, der gute Perlen suchte und auch schließlich eine kostbare Perle fand. Daraufhin verkaufte er alles, was er hatte, um diese kostbare Perle erwerben zu können.“

Ich kann mich in diesem Kaufmann wiederfinden. Ich bin auf der Suche nach kostbaren Perlen in meinem Leben. Ich ahne, dass da noch was geht, dass da noch mehr drin ist. Und eine kostbare Perle was sicherlich die letzte Woche und die Eindrücke der letzten Wochen.

Für mich sind allerdings auch noch ganz viele Fragen offen, was das Christsein anbelangt. Wo sind Grenzen für mich? Wie weit kann ich da mitgehen? Gibt es Widersprüche mit Teilen meiner Wertevorstellung und meinen bisherigen Lebensinhalten? Was ist das mit dem Teuflischen? Ich mag die positive Psychologie, Buddha und Yoga, die Sicht auf Krankheitsbilder von Dahlke, meine liebe Silja vom Glücksplaneten. Widerspricht sich das alles mit dem Christsein?

Ich forsche weiter. Ich bleibe offen, interessiert und neugierig.

Ida

 

PS: Und jetzt schalte ich gleich erstmal mein Handy wieder an.

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